Die zweite Schwangerschaft war insgesamt deutlich beschwerlicher für mich als die erste. Laut Ärztin hätte es meinem Körper gut getan, länger als ein Jahr zu warten. Aber wir hatten uns bewusst für einen kurzen Abstand entschieden, also musste ich da wohl durch.
Etwas beängstigend wurde es allerdings im November, als die Ärztin einen zu hohen Druck des Köpfchens auf den Muttermund feststellte und mich (was sonst gar nicht ihre Art ist) erstmal ruhig stellte, um eine Frühgeburt zu vermeiden. Zum Glück kam sehr schnell die Entwarnung, denn der ET war erst am 7. März. Und wie in der ersten Schwangerschaft kam der ET … und verging, ohne dass etwas passierte. Schon seit Monaten hatte ich Vorwehen, wie ich sie aus der ersten Schwangerschaft nicht kannte. Und jedes Mal, wenn sie etwas häufiger wurden, dachte ich, es geht los.
An ET+6 hatte ich einen Termin im Hebammenhaus und traf auf dem Weg meine Wochenbetthebamme Christina D. Sie war nicht verwundert, dass es bei uns offenbar wieder etwas länger ging. Offenbar lässt sich bei den meisten Frauen eine Tendenz zu einer längeren oder kürzeren Tragedauer erkennen. Im Hebammenhaus bekam ich dann Wehentee und den Tipp, in die Therme zu gehen. Beides setzten wir in den kommenden Tagen um, wodurch die Wehen etwas intensiver wurden. Darauf wollte ich mich aber schon lange nicht mehr verlassen. Zwei Tage später versuchte es Leonie mit einer Druckpunkt-Behandlung und gab mir ein Senfmehl-Fußbad mit. Auch das probierten wir und warfen zudem in unseren Tee zu Hause eine Zimtstange mit rein. Wir wollten nichts unversucht lassen, denn die Sehnsucht, die Kleine endlich kennenzulernen und den eigenen Körper zurückzubekommen, war sehr groß.
Also ging es an ET+9 erneut in die Therme, wo nichts passierte. Immerhin freute sich Janosch, unser Großer (inzwischen kann ich ihn so nennen), dass er schon wieder Baden gehen durfte. Erst ein paar Stunden später fingen die Wehen erneut an, intensiver zu werden und ich erlaubte mir eine leichte Hoffnung. Um 18 Uhr richtete ich schließlich noch einige Details am Stubenwagen und musste innerhalb von 10 min dreimal innehalten um eine Wehe abzuwarten. Nach der dritten Wehe schließlich spürte ich, wie meine Hose nass wurde. Es war kein so großer Schwall wie beim Blasensprung in der ersten Schwangerschaft, weshalb ich mir nicht sofort sicher war, ob ich es richtig einordnete. Also rief ich bei der Bereitschaftsnummer an und während meines Gesprächs mit Sarah hörte das Fruchtwasser nicht auf zu laufen, weshalb wir uns darauf einigten, dass ich mich in 1-2 Stunden bei der nächsten Schicht melden sollte, um das weitere Vorgehen zu besprechen.
Zu meiner Freude, hatte Christina D. Bereitschaftsdienst. Wir alle hofften, dass sie uns nicht (wie vor knapp zwei Jahren) in die Klinik schicken musste. Damals wollten die Wehen sich nach dem Blasensprung einfach nicht recht einstellen und meine Entzündungswerte im Blut wurden immer schlechter, weshalb zwei Tage nach dem Blasensprung in der Klinik eingeleitet wurde. Diesmal sollte aber alles wie geplant funktionieren. Sie kam kurz vorbei, um die Herztöne zu überprüfen, da ich die Kleine seit dem Blasensprung nicht gespürt hatte. Der Kleinen ging es gut und Christina witzelte, dass sie schon überlegt hatte, mir zu schreiben, dass sie Bereitschaft hat und es daher wieder an der Zeit wäre, dass die Geburt losgeht.
Der Große wurde von der Oma ins Bett gebracht, die schon seit ET in der Einliegerwohnung auf ihren Einsatz wartete. Ich ging kurze Zeit später ins Bett, um mich noch etwas auszuruhen. Mein Mann verbrachte den Abend auf dem Sofa und betonte, dass er noch nicht daran glaubt, dass etwas passiert. Trotz meiner Versicherung, dass es sich diesmal anders anfühlte, war er nach unserer ersten Geburtserfahrung noch etwas verhalten. Meine Wehen wurden immer stärker und regelmäßiger. Gegen Mitternacht fing ich dann an, die Abstände zu stoppen und teilte meinem Mann eine halbe Stunde später mit, dass ich gerne in der nächsten Stunde aufbrechen würde. Er belud also das Auto, während sich die Wehenabstände innerhalb einer halben Stunde von 8 min auf 5 min verkürzten. Um 1 Uhr rief ich Christina an und verabredete mich auf 1:30 Uhr mit ihr im Hebammenhaus.
Dort angekommen war schon alles für uns vorbereitet. Die letzten Schneeflocken fielen vor der brennenden Kerze auf den Boden und Christina begrüßte uns an der Tür. Die Wehen wurden allerdings erst einmal wieder unregelmäßiger. Als ich mich dort noch einmal aufs Bett legte beschlich mich ein schlechtes Gewissen, dass ich sie noch eine Stunde hätte schlafen lassen können. Der Zustand hielt allerdings nicht lange an. Schnell wurden die Wehen so intensiv und häufig, dass ich sie auf dem Bett nicht mehr veratmen konnte. Als ich es später noch einmal im Liegen versuchte, wurde mir so schlecht, dass das Abendessen wieder hochkam. Um weiter herumzulaufen wurde ich irgendwann aber zu müde. Der Petziball funktionierte nicht, da ich bei der Wehe in der Hüfte aufrecht sein musste. Also schlug Christina vor, dass ich mich hinkniete, damit ich mich zumindest zwischen den Wehen mit dem Oberkörper aufs Bett legen konnte. Das tat ich dann noch für ein paar Wehen.
Schon seit einiger Zeit hatte ich das vage Bedürfnis, mitzuschieben. Als ich das sagte, rief Christina Elisabeth an, dass sie sich auf den Weg machen sollte und sagte mir, ich könne demnächst auch die Hose ausziehen. Da die Presswehen bei der ersten Geburt drei Stunden lang gingen, hatte ich es damit allerdings nicht sonderlich eilig. Bei der nächsten Wehe schob ich probehalber etwas mit und spürte sofort, dass die Kleine sich bewegte und die Wehe intensiver wurde. Etwas überrascht zog ich mich daher vorsichtshalber schon einmal aus. Bei der nächsten Wehe schob ich kräftiger und spürte, wie sich der Kopf Zentimeter für Zentimeter vorarbeitete. Dieses Gefühl war vollkommen neu für mich und stand in vollkommenen Gegensatz zu dem mühsamen und lange nutzlosen Pressen wie ich es kannte. Als der Kopf erst einmal im Geburtskanal war, wollte die Wehe nicht mehr aufhören und wurde immer intensiver. Gefühlt eine Minute lang presste ich, bis ich spürte, dass der Kopf fast draußen war. Kurz war ich über mich selbst überrascht, als ich merkte, dass ich auch nicht gerade leise war. Aber es half, also dachte ich nur „egal, weitermachen“. Als die Wehe endlich aufhörte, riet mir Christina, kurz durchzuatmen. Lange ließ mir mein Körper dafür aber keine Zeit, bevor mit den nächsten beiden Wehen zuerst der Kopf und dann, am 17.03. um 3.27 Uhr, der Körper geboren wurden.
Etwas ungläubig sah ich erneut, wie klein so ein Neugeborenes ist, als ich unsere kleine Merle vom Boden aufheben und mich mit ihr aufs Bett kuscheln durfte. Ich war unendlich erleichtert, dass ich es geschafft hatte. Denn ich merkte, dass die Kraft und Ausdauer meines Körpers diesmal unter weniger Sport vor der Geburt gelitten hatten. Bald darauf kam Elisabeth an. Wir hatten ihr keine Chance gelassen, rechtzeitig zur Geburt zu kommen. Aber die U1 konnte sie übernehmen, nachdem auch die Plazenta geboren war. Auch die Geburtstagsfeier durften wir alle gemeinsam genießen.
Um halb 7 machten wir uns schließlich auf nach Hause, und weckten Janosch, um ihm seine kleine Schwester vorzustellen. Diese erstaunten, glücklichen Kinderaugen werde ich wohl nie vergessen. Damit gingen meine größten Wünsche bezüglich der Geburt in Erfüllung: Janosch bekam von allem überhaupt nichts mit und nahm seine kleine Schwester mit Freude an.
Insgesamt kann ich nur staunen, wie unterschiedlich zwei Geburten trotz aller Parallelen verlaufen können. Im Nachhinein kann ich sagen, dass wir für den Ablauf der beiden Geburten jeweils genau das richtige Umfeld hatten. Bei der ersten Geburt waren wir froh über Wehenmittel, Kinderarzt und Vollpension in der Klinik. Bei der zweiten Geburt war das familiäre, gelassene und selbstbestimmte Umfeld genau das Richtige. Am Wichtigsten fand ich in beiden Fällen, dass die Chemie mit der Hebamme stimmt. Und da hatten wir immer unglaubliches Glück.
In diesem Sinne ganz lieben Dank an die rundum gute Betreuung vor, während und nach der Geburt an das gesamte Team und an Christina D., Elisabeth und Hebammenstudentin Kim im Speziellen. Ich habe mich immer super betreut und beraten gefühlt.