Geburtsbericht unserer Tochter – zwischen Vorwehen, Italiener & einer verdammt starken Hausgeburt
Ich hatte mindestens eine Woche vor der Geburt echte Wehentage. Nicht dieses „Hm, vielleicht zieht es ein bisschen“, sondern wirklich regelmäßige Phasen, in denen die Wehen kamen, teilweise schon in den Rücken zogen und mich jedes Mal denken ließen: Okay, heute ist es soweit.
Spoiler: war es nicht.
Senkwehen hatte ich vorher schon reichlich — das konnte man meinem Bauch auch deutlich ansehen. Mein Frustrationslevel lag entsprechend bei stabilen 100 von 10.
Am errechneten Termin sagte mein Gynäkologe dann den Satz:
„Sie sind einen halben Finger durchlässig.“
Ein halber Finger.
Diese Aussage gab mir ungefähr fünf Minuten Hoffnung, bevor sie wieder in Frust umschlug. Meine Energie war langsam einfach aufgebraucht. Ich hatte absolut keine Lust, wieder bei ET+10 zu landen wie bei meinem Großen.
An ET+4 hatte ich dann schon morgens dieses Gefühl: Hm. Ich glaube, heute Abend oder Nacht geht’s los.
Da wollte eindeutig jemand Krebs werden — und ja, ich glaube an sowas.
Mein Mann und ich waren an dem Tag noch im Hebammenhaus zur Vorsorge. Im Gespräch konnte mich Leonie beruhigen. Dieses ständige Anbahnen und dann doch nichts erlebe sie oft bei Zweitgebärenden, weil der Körper den Prozess schlicht schon kennt.
Der Kopf unserer Tochter saß fest im Becken, und auch der Fundusstand zeigte: Meine Gebärmutter war seit der letzten Vorsorge nochmal deutlich nach unten gerutscht.
Kurz gesagt: Alles sprach dafür, dass meine Intuition recht hatte. Um dem Ganzen noch etwas Nachhilfe zu geben, machte ich am Nachmittag einen längeren Spaziergang. Das hatte bei meinem Sohn damals auch geholfen. Gegen 16 Uhr war ich wieder zuhause.
Und um 18 Uhr kam sie.
Diese eine Wehe.
Ich merkte sofort: Okay… die ist anders. Deutlich präsenter als alles in den Tagen davor.
Mein Mann und ich hatten noch Essen beim Italiener bestellt. Das konnte ich auch tatsächlich noch relativ entspannt essen — mit gelegentlichem Wehen-Veratmen zwischen den Bissen.
Unser Großer schlief da bereits tief und fest. Er war vom Freibad-Ausflug mit Papa komplett erledigt.
Fast so, als hätten wir es geplant. 🙈
Gegen 18:30 begann ich, die Wehen zu tracken. Etwa eine Stunde lang kamen sie alle 7 bis 5 Minuten, teilweise mit noch kürzeren Abständen.
Da wusste ich: Es passiert wirklich.
Gegen 19:30 riefen wir das erste Mal bei der Rufbereitschaft an und informierten Maria über den bisherigen Verlauf. Ich war noch relativ entspannt und sagte, wir würden uns wieder melden — ich wollte einfach Bescheid geben, dass heute wohl noch etwas passiert.
Ab 20 Uhr wurde es deutlich intensiver.
Meine Strategie musste sich ändern.
Vom entspannten Veratmen auf dem Ball wechselte ich zu einer deutlich… sagen wir… instinktiveren Methode: stehen und hängen. 😆
Mein Mann hielt meinen Bauch oder gab Gegendruck auf den unteren Rücken — was Gold wert war.
So arbeiteten wir uns gemeinsam durch die Stunden, bis ich gegen 22 Uhr sagte:
„Schatz, meine Stimmung kippt. Ruf bitte an. Ich will wissen, wo ich stehe.“
Anders als bei meinem ersten Kind war bis dahin nämlich noch nicht die Fruchtblase geplatzt — und das irritierte mich total.
In meinem Kopf kreiste nur:
Oh mein Gott, warum platzt sie nicht? Bin ich erst bei 3 oder 4 cm? Das halte ich nicht mehr lange aus.
Mein Mann sprach mir Mut zu, versicherte mir, dass alles gut sei und ich mich da nicht hineinsteigern solle.
Ich wollte ihm glauben.
Es fiel mir ehrlich gesagt schwer.
Als gegen 23 Uhr dann Maria, Kim und Vivien komplett bei uns eintrafen, fiel eine Last von mir ab.
Ich dachte nur: Wow. Eine Hausgeburt. Es wird wirklich wahr.
Zwischendurch konnte ich sogar noch Witze machen. Die Stimmung war locker, warm und irgendwie wunderschön. Das half mir enorm.
Ursprünglich hatte ich mir eine Wassergeburt vorgestellt. Der Pool stand bereit — aber anders als bei meinem Sohn, bei dem ich gefühlt acht Stunden wie eine Qualle im Wasser trieb, taugte mir das Wasser diesmal überhaupt nicht. Und überraschenderweise irritierte mich das kein bisschen. Ich nahm es einfach hin. Mein Körper wusste offenbar ziemlich genau, was er diesmal brauchte.
Aber ab da begann auch der wirkliche Kampf.
Gegen 23 Uhr wurden die Wehen sehr intensiv. Die Abstände wurden kürzer, die Pausen blieben aber noch lang genug, damit ich mich sammeln konnte.
Im Nachhinein denke ich oft: Ich habe das echt gut gemacht.
Ich war ständig in Bewegung. Ich veratmete Wehen laufend, im Gehen oder im Stehen mit meinem Mann.
Gegen Mitternacht kam zunehmend Druck nach unten. Irgendwann begann ich mitzuschieben.
Und dann änderte sich alles.
Die Wehen nahmen mich komplett ein.
Ich war erschöpft. Nicht mehr klar in meinen Gedanken. Das Veratmen fiel mir sichtbar schwer. Ich verlor zunehmend die Kontrolle.
In dieser intensiven Phase verlor ich auch etwas Blut. Nicht dramatisch, nicht viel — aber es machte etwas mit mir. Da ist dieses Zeichen, da passiert wirklich was, die Wehen sind nicht umsonst (sind sie natürlich nie🤣).
Irgendwann konnte ich sogar selbst das Köpfchen ertasten.
Glitschig. Sehr glitschig. Die Fruchtblase war eben noch dran. Total verrückt.
Und irgendwo in diesem absoluten Ausnahmezustand musste ich innerlich kurz schmunzeln.
Maria würde wahrscheinlich behaupten, dass sie mir in diesem Moment noch hilfreiche Dinge sagte — ich kann dazu nur sagen: Ich habe spätestens da sowieso nichts mehr aufgenommen und war ehrlich gesagt ziemlich zickig. 🤣
Der Pressdrang setzte nämlich ein.
Das Pressen selbst war eine echte Herausforderung.
Ich war wirklich am Ende.
In dieser Phase wechselte ich — auch auf Anleitung von Maria — mehrfach die Positionen. Von kniend, zur tiefen Hocke mit meinem Mann, zu halb kniend.
Jede Position half mir ein Stück mehr, besser nach unten zu arbeiten.
Und dann war es so weit.
Sie war da.
Mit einem Schlag fiel alles von mir ab.
Ich war wieder da.
Ich war präsent.
Trotz dieser unfassbar kräftezehrenden Phase war plötzlich alles still.
Alles vorbei.
Ich nahm mein Kind hoch.
Und ich war einfach nur überglücklich.
Ich habe es geschafft.
Und sie auch.
Meine Tochter hat das so gut gemacht.
Sie kam tatsächlich mit intakter Fruchtblase Welt — ihrer Glückshaube. Sie wollte einfach nicht platzen. 😉🤭
Schreien wollte sie übrigens nicht.
Sie zeigte durch ihre Hautfarbe und ihr absolut perfektes erstes Ansaugen ganz klar:
Sie ist da & Sie hat Kraft.
Schreien überlässt sie lieber ihrem großen Bruder. 😅
Unsere Tochter kam also an ET+5 um 01:41 Uhr zur Welt.
Und als wäre das alles nicht schon filmreif genug, wachte unser Sohn um 01:30 Uhr auf.
Er benahm sich, als wäre es absolut normal, nachts bei einer Geburt dabei zu sein.
Als wäre es nicht die erste Geburt, die er sieht.
Er ist 2,5 Jahre alt — und mit Abstand die coolste Socke.
Nach der Geburt kam meine Mama an. Wir hatten uns schlicht zu spät gemeldet. Sie ging dann mit unserem Sohn ins Zimmer spielen.
Nach der U1 spickte er nochmal kurz rein und fragte:
„Mama, geht’s dir jetzt besser?“
Mit einer Leichtigkeit, wie sie nur Kinder haben.
Ich musste so lachen.
Diese Geburt hat mich vieles gelehrt.
Vor allem, dass es nicht den einen richtigen Weg gibt.
Man darf sich ständig anpassen.
Man wächst mit jeder Wehe.
Man kann nach einem Schmerzmoment trotzdem noch Witze machen.
Man darf unter der Geburt Spaß haben — und sich gleichzeitig wünschen, dass es bitte einfach vorbei ist.
Aus meiner ursprünglich erträumten Wassergeburt wurde eine bewegte, aktive und unglaublich kraftvolle Geburt.
Ich war voll da.
Ich erinnere mich an alles.
Und genau dafür bin ich unendlich dankbar.
Danke an meinen Ehemann.
Danke an unser Geburtsteam.
Für diese selbstbestimmte, sichere und so heimelige Geburtserfahrung.
Und danke an meine Tochter.
Dass sie uns gezeigt hat, dass Geburt wild, intensiv, wunderschön und manchmal auch ziemlich lustig sein darf.